Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Besprechungen von getestetem Gitarren-Equipment

Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Ingolf » Samstag 2. September 2017, 13:06

Die kleinen Tone- City- Pedale Golden Plexi und Black Tea sind hier ja als 'Amp in a Box'- Pedale zu Recht schon ausgiebig gelobt worden.
Sie haben ein ausgezeichnetes Preis- Leistungs- Verhältnis, sind gut verarbeitet und klingen exzellent.

Dabei darf der Terminus 'Amp in a Box' nicht missverstanden werden als: "Du kannst direkt ins Pult damit spielen".
Im Gegensatz zu den Charakter- Pedalen von Tech 21 oder Modelern brauchen wir hier schon das Endglied einer normalen Gitarrensignalkette: entweder eine echte Gitarren-Box oder eine Boxensimulation.
Ich habe mir bei Andertons in England gleich mehrere Pedale geordert (zum Preis von 59 bzw. 69.- Pfund). Beim Kauf von 2 oder mehr Pedalen bekommt man dort nämlich ein Stagg 5-fach- Netzteil gratis (auch nett).

Während die kleinen Pedale ja mit einem Schalter auskommen und 3 Potis (Gain, Vol, Tone),
fahren, haben die großen Pedale je 2 Schalter, (On/Off und Boost), einen Umschalter zwischen Crunch und HiGain,
sowie Gain (jeweils getrennt für Crunch und HiGain), Volume und Tone gemeinsam sowie zusätzlich einen Volumeregler für den Boost.
Außerdem sitzen die Anschlüsse(In/Out/9V) bei den großen Brüdern an der Stirnseite, was ich viel besser finde als den bescheuert seitlich angebrachten 9V- Anschluss bei den kleinen Pedalen.

Was hat es zunächst mit Crunch und Highgain auf sich? Zunächst darf man das nicht so wörtlich nehmen, denn ein AC30 (Model V) macht natürlich keinen Highgain und auch das Model M hört bei (allerdings sehr) sattem Crunch auf. Das Umlegen des Schalters bewirkt eine Verdichtung der Zerrstruktur im Sinne von mehr Vorverstärkung, (Preamp- Gain) wobei der eigentliche Klangcharakter sich aber nicht ändert. Man kann in beiden Kanälen den gleichen Sound erreichen (wobei dann der jeweilige Gainregler anders steht). Da die beiden Kanäle nur per Kippschalter und nicht Fussschalter anzuwählen sind, fragt man sich natürlich, wie praxisgerecht das ist? Ok, man muss weniger schrauben, um mehr Gain zu haben. Wenn man den Schalter ein wenig wie ein Preset betrachtet, ergibt er für mich auch mehr Sinn.
Der Boost- Schalter wiederum ist sehr sehr gut. Was macht er? Er macht ein wenig lauter, aber auch, wenn das Boost- Volume stark angehoben ist und sich das Predal vor einem cleanen Amp mit viel cleanen Headroom befindet, eben nicht so sehr viel lauter, wie man das erwarten würde. Stattdessen klingt das Pedal dann so, als würde ein Non- Master- Volume Amp (was ja sowohl AC 30 als auch Plexi sind) mit einem hochwertigen Boost- Pedal noch extra angeblasen.
Und das, liebe Freunde, klingt ja mal so richtig amtlich geil und macht diese (immer noch sehr kompakten) Pedale zu einer echten Allzweckwaffe.

Jetzt mal zu den beiden Pedalen:
Model M ist natürlich Marshall. Im Crunch- Kanal fängt es bei silbrig- klarem Plexi mit viel Bassfundament an und geht über hairy clean in satten Crunch über. Dabei ist das gesamte Frequenzspektrum bemerkenswert offen (ebenfalls eine Plexi- Eigenschaft).
Der HighGain betitelte Kanal fängt gainmässig einfach höher an und wenn man hier den Gain höher fährt, verdichtet der Ton immer mehr und es kommt eine Kompression hinzu, die unmodiffizierten Marshalls originär nicht eigen ist und eher in die Hot Rod- Abteilung gehört.
Bis hierher würde ich sagen, dass dies alles auch mit einem Golden Plexi (den ich ebenfalls besitze) erreichbar ist, jedoch ist die Einstellung beim Model M viel feinfühliger machbar.
Ganz klar die Nase vorn hat Model M jedoch bei Hinzunahme des Boosters: Gain moderat einstellen, Booster dazu und Bäng! Dieses Terrain deckt der Golden Plexi definitiv nicht ab.

Model V ist natürlich Vox, vornehmlich AC 30. Der Klangcharakter ist natürlich völlig anders als beim Model M, man hört hier sofort das sehr reiche Mittenspektrum und die süßlichen Höhen. Es geht hier von vollem Clean über dieses grittige Anzerren, wenn man ordentlich reinlangt, bis hin zu diesem typischen AC 30- Crunch, der mich immer ein bisschen an Rotz erinnert. Ich liebe das!
Nach Umschalten in "Highgain" gibts auch hier mehr Preamp Gain und Verdichtung, bis hin zu sehr tragfähigem Power Crunch für Power Chords mit exzellenter Definition.
Und auch hier schießt der Boost den Vogel ab und agiert wie das Pendant im Model M. Sehr gut.

Unterm Strich bestätigt sich der Eindruck, dass man bei Töne City extrem viel Pedal für sein Geld bekommt. Im direkten Vergleich zwischen Golden Plexi und den größeren Brüdern würde ich sogar soweit gehen zu sagen, dass diese wegen des exzellenten Boosts sogar noch einen besseren Gegenwert bieten.
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Batz Benzer » Samstag 2. September 2017, 13:15

Vielen Dank, Ingolf: Liest sich ebenfalls sehr spannend! :thumbsup03:
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Rainer Mumpitz » Samstag 2. September 2017, 13:36

:thumbsup03: :banana03:
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon tommy » Samstag 2. September 2017, 14:00

Danke Ingolf für das prima (vergleichende) Review!

Mir brannte schon vor einiger Zeit die Frage nach den größeren Pedalen unter den Nägeln, wollte aber nicht schon wieder als Querulant :mrgreen: in den Golden Plexi Thread reingrätschen.

Mir gefiel -zumindest in einschlägigen Videos- das Model M irgendwie deutlich besser. Ok, ist natürlich auch Geschmacksache.

Ich würde mich über ein paar Soundschnipsel von Dir sehr freuen, falls Du Zeit und Muße findest.
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Magman » Samstag 2. September 2017, 15:59

Danke für dein Review Ingolf. Tatsächlich ist es so, das die großen den Kleinen überlegen sind was das Einstellen betrifft. Aber wenn man mit den Kleinen mal seinen Sound gefunden hat könnte zumindest ich das sozusagen in Giesharz tauchen :mrgreen:
Für jemanden wie dich, der auch öfters mal Recording betreibt sind die Großen die besseren Pedale. Jedenfalls fein, das du bestätigen kannst das auch hier das PLV bestens ist :thumbsup03:
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Batz Benzer » Samstag 2. September 2017, 16:05

Ich fand die großen Pedale in bisher allen Demos nicht überzeugend.

Aber ich maße mir an, Ingolfs Ansprüche wie Beuteschema langsam zu kennen und nehme sein Lob ernst: Die Kistchen werden bei Gelegenheit getestet! :thumbs:
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon tommy » Samstag 2. September 2017, 16:28

Batz Benzer hat geschrieben:Ich fand die großen Pedale in bisher allen Demos nicht überzeugend.



Micky, woran machst Du das fest? Das würde mich interessieren, weil mir bislang die unmittelbaren Kenntnisse über den entsprechenden original Marshall Sound irgendwie etwas fehlen. Ich werte einfach nach eigenem Geschmack mit nur ungefährem Augenmerk auf eine (meine) Marshall Richtung.
Den Golden Toast bei der Session empfand ich ehrlich gesagt als etwas trocken und hell. Nicht schlecht, aber ich hätte mir etwas mehr Saftigkeit gewünscht. Vielleicht muss das so, keine Ahnung.
Vielleicht kannst Du mir ein paar Attribute nennen, die einen entsprechenden Marshall ausmachen bzw. warum das GT seine Aufgabe richtiger macht.
Vielleicht habe ich einfach eine andere Präferenz. Ich bevorzuge ja mehr JTM und Plexi, wie Du weißt.
LG Tommy


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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Batz Benzer » Samstag 2. September 2017, 16:39

tommy hat geschrieben: Ich werte einfach nach eigenem Geschmack mit nur ungefährem Augenmerk auf eine (meine) Marshall Richtung. (...) Vielleicht habe ich einfach eine andere Präferenz.


Eben genau so und das! Ich hörte Demos und dachte "Och, nöö, will ich nicht!". Ganz einfach, ohne jetzt mehr Referenz als den idealisierten Ton im meinem Kopf zu hören.

Es gibt ja bekanntermaßen nicht nur den einen Marshall-Sound; und - jetzt kommt's! - die kann man dann auch noch so einstellen, wie man das mag.

Klingt profan? - Isses auch, aber dennoch erkenntnisreich: Erinnerst Du Dich evtl. noch daran, dass ich bereits letztes Jahr in der Eifel sagte, dass ich jeden von Euch am Spiel erkenne?

Nun, ich glaube verstanden zu haben, dass Du einen "knurrigen, grobkörnigen, höhenfreieren" Old-School-Marshall-Ton bevorzugt; so würde ich das jedenfalls beschreiben, was ich von Dir kenne und schätze.

Was aber überhaupt nicht meine Klangwelt ist: Ich mag Höhen und Obertöne, das Kreischen und Sägen, den Anschlag in den oberen Mitten hören, die durch das Höhenbild definierten Attack bieten.

Soll heißen: Bei aller Liebe sollten wir uns, sollte sich einer von uns begeistert über einen M-Sound äußern, eher mit dem Gedanken anfreunden, dass es tendenziell nix für den jeweils anderen ist. :banana02:

Liebe Grüße,

das innere Löffelchen. 8-)
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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon tommy » Samstag 2. September 2017, 16:42

Ach Löffelchen, Du kannst das Alles immer so schön beschreiben! :D

Danke dafür! :prost:
LG Tommy


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Re: Die großen Brüder: Tone City Model M und Model V

Beitragvon Manuel » Samstag 2. September 2017, 17:37

Junx? Geht's noch? Löffelchen?

Fällt das jetzt wieder unter: "Was in der Eifel passiert, bleibt auch in der Eifel?"

:lol02:
Grusz,

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