Gretsch G5420T 2016er Modell in Orange

Besprechungen von getestetem Gitarren-Equipment

Gretsch G5420T 2016er Modell in Orange

Beitragvon Batz Benzer » Montag 23. Oktober 2017, 13:20

Gegenstand dieser Besprechung ist eine Gretsch G5420T in Orange; und obgleich "2016" kein offizieller Bestandteil der genauen Bezeichnung ist, bedarf es dieser Erwähnung, da sich diese Electromatic-Gitarren von ihren Vorgängermodellen in wohl entscheidenden Details absetzen:

- Es gibt ein neues Decken-Bracing.

- Die Kopfplatte ist kleiner und mit einem Binding versehen.

- Wo wir schon beim Binding sind: F-Löcher, Decke wie Boden verfügen nun über ein solches.

- Das Master-Volume soll nun Trebel Bleed haben.

Jede Menge Unterschiede, von denen Treble Bleed, vor allem aber das neue Bracing auch Klang entscheidend sein sollten; mal sehen, ob dem auch so ist...

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Doch fangen wir erst einmal ganz vorne an: Generell ist die G5420T sehr gut verarbeitet. Die Farbe "Orange" fällt hier - wie auch die Farbe des dichten Palisander-Griffbretts - auffallend dunkler als noch beim Vorgängermodell 5120 aus. Das Binding verleiht der Gitarre mehr Eleganz, was bei einer Gretsch nicht ganz unwichtig ist. Auf den ersten Blick: Top! :thumbsup03:

Rückseitig gibt es sogar Riegelahorn in 3D-Tiefe zu sehen; wie schön, dass es also auch Gitarren hat, die "schöner als vereinbart" aus ihrem Karton kommen, und nicht immer nur umgekehrt. :mrgreen:

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Der Rest ist bekannter Standard: Korpus im 16"-Format, eingeleimter Hals, der bei diesem Exemplar deutlich fetter ausfällt als die Hälse in der jüngeren Vergangenheit und die schlimmen 2015er Flunderhälse vergessen lässt; Blacktop Filtertron-PUs, Bigsby-Vibrato, zwei Volumen-, ein Ton- sowie ein Master-Poti, that's it.

Die Brücke ist gepinnt, was bedeutet, dass sie kleine Dornen hat, die ihr Einbuchtungs-Pendant in der Decke finden, so dass der Steg nicht wandert - sehr gut!

Zur hier verbauten Adjust-O-Matic: Dank der etwas losen Reiter schnarrte die Gretsch noch fröhlich als sie bei mir aufschlug; nach Einstellung der Oktavreinheit war der Spuk dann insofern vorbei als alle Böckchen weiter nach hinten mussten, was wohl für weniger Spiel der Reiter sorgt. Das war dann aber auch der einzige Bummer der Gitarre.

Ich besitze aktuell drei Electromatics aus dem immer noch aktuellen Samick- sowie eine aus dem Peerless-Werk und kenne zahlreiche anderen Modelle; die hier ist anders, deutlich erwachsener, größer, "larger than life" und somit der originalen Vorlage wieder deutlich näher gerückt!

Ja, die Electromatics haben sich seit ihrem Erscheinen im Preis verdoppelt, leisten mittlerweile aber auch deutlich mehr, so dass die Preissteigerung m.E. in Ordnung geht; um 500€ gibt es ja jetzt die Streamliner-Serie inkl. vieler Ärgernisse der alten Electros wie z.B. die PAF-artigen Humbucker.

Zurück zur orangenen Lady: Das Spielgefühl hat sich entscheidend verändert: Man braucht mehr Kraft, um die 2016er 5420 zu spielen und erhält dafür eine höhere Lautstärke sowie mehr Dynamik!

Die PUs kratzen auf diese Weise eine größere Klangtiefe aus dem Kübel, es geht weiter in den Bass runter und hat mehr glasigen "Chime". Nicht mehr Höhen als die alten Modelle, aber mehr Klasse; etwas behäbiger in der Schwingungsentwicklung, was dem Klangbild jedoch nicht schadet.

Hoppla, da bin ich doch schon bei Spielgefühl und Klang gelandet; warum auch nicht, da in der Theorie nur wenig Weisheit liegt.

Wie z.B. das Treble Bleed beweist: Hier kann ich nämlich absolut keinen Unterschied zu den bisherigen Modellen nachvollziehen! Was nicht bedeutet, dass die 2016er Modelle schlecht, sondern alle Electromatics bisher bestens funktionieren, wenn man denn die Lautstärke absenkt; einen Verlust der Höhen konnte ich da noch nie bemerken!

Am Hals kann man sich mal ganz genau anhören, was passiert, wenn sich ein holziges Klangbild mit Tiefe und Raunen verbrüdert; so sollte eine Gretsch in der "Rhythm"-Position klingen! :sabber:

Am Steg hat es etwas mehr Kraft, verhält sich aber immer noch sehr ausgewogen zum Hals-PU, zumal die Steg-Pickup-Position nicht mit einem Mehr an Mitten auffällt, sondern klar und deutlich artikuliert zu Werke geht.

Dass es dabei nicht zu dünn tönt, verdankt die Gitarre m.E. dem neuen Bracing; obgleich der Korpus so groß wie eh und je ausfällt, wirkt die Gute größer auf mich, und dies meines ich sowohl klanglich als auch haptisch!

Eine Folge ist z.B., dass sich die Mensur länger anfühlt als jene der älteren Modelle, obgleich sie rechnerisch identisch ist; und wieder einmal klappen Theorie und Praxis auseinander.

Die Mittenposition könnte vielleicht ein wenig mehr perlen, was mit Filtertrons, bzw. TV Jones-Aggregaten sicherlich auch der Fall wäre; so reicht es hingegen völlig aus, ohne einen jetzt ganz besonders zu verwöhnen. Soll heißen: Die Latte liegt bereits hoch, aber Luft nach oben wäre hier immer noch; dies sei für all die potentiellen Modding-Spezialisten angemerkt, es würde sich also lohnen. :mrgreen:

Was nicht bedeutet, dass die schwatten Filterpickups schlecht wären, ganz im Gegenteil: Sie transportieren typische Gretsch-Klanganteile, die in anderen Pickups aus gleichem oder anderem Hause so nicht in der Ausprägung vorhanden sind. Mir gefallen sie jedenfalls sehr gut!

Um in den vollen Genuss dieser Qualitäten zu kommen, sollten die Pickups m.E. so nah wie möglich an die Saiten heran, ohne diese auch bei exzessivem Spiel zu berühren ("Plink, plink!"); Brian Setzer hält es laut Interview-Aussagen übrigens ebenso.

Insgesamt verlangt diese Variante der 5420 meines Erachten mehr Einsatz von Spieler als die Vorgänger, die einfacher zu spielen sind, weil sie schneller, aber eben auch flacher ansprechen. Bei dieser Gitarre muss der Twang mehr erkämpft werden als bei den Vorgängern, denen dafür Dynamik, Tiefe und Sustain etwas abgehen.

Mein Besser muss also nicht auch Dein Besser sein; ich habe auch ein paar Tage gebraucht, um mich hier neu aufzustellen und damit die Gretsch zu "verstehen". "Anders" trifft es neutraler, so dass wieder einmal jeder selbst schauen muss, ob ihm die neue Generation der 5420 etwas gibt, was er zuvor nicht bekommen hat.

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Fazit: Waren Gretsch Electromatic-Gitarren am Anfang noch klassische OEM-Gitarren, bei denen man auf das Modell eines Herstellers, welche dem Originalprodukt am ähnlichsten kam, zurückgriff, so baut Samick heutzutage entscheidend typischere Gretsches, denen mittlerweile das Wesentliche der Originale, der Trademark-Sound und das Spielgefühl, ebenfalls zueigen ist.

Im gleichen Maß, da die Gitarren besser (im Sinne von "dem Original näher") geworden sind, ist auch der Preis gestiegen, so dass man auch jedes Mal mehr fürs Geld erhalten hat.

Wenn man jetzt noch weißes Binding und originale Filtertrons verbauen würde, wäre man beim Original; insofern bin ich mal mächtig gespannt, ob es in Zukunft noch weitere Upgrades geben wird oder ob das Ende der Fahnenstange jetzt erreicht ist.

Hier viewtopic.php?f=8&t=53&start=90 findet sich noch ein direkter Vergleich dieses Modells mit dem Vorgänger INKLUSIVE KLANGBEISPIELE; viel Spaß!

Zu guter Letzt noch meinen Dank an Beppo, dem ich die orangene Lady zu verdanken habe: Merci vielmals für die neue Gretschkommode! :prost:

PS: Ich habe der Guten ein transparentes Pickguard spendiert; im Original ist dieses silbern.
"Lennon was the soul of the Beatles, Harrison was the spirit, Paul was the heart, and Ringo was the drummer."

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Re: Gretsch G5420T 2016er Modell in Orange

Beitragvon Beppo » Montag 23. Oktober 2017, 14:41

Lieber Batz,
bei dir ist die Gretsche viel besser aufgehoben als bei mir, das ist mir absolut klar, wenn ich dein detailliertes und liebevolles Review hier lese.
Insofern: gerne geschehen :thumbsup03: .
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Re: Gretsch G5420T 2016er Modell in Orange

Beitragvon Batz Benzer » Montag 23. Oktober 2017, 14:49

Das ist schon verrückt bisweilen: Als Du mir in der Eifel von dieser Gitarre erzählt hast, war ich spontan traurig, dass Du sie nicht dabei hattest. Als sie dann hier zum Kauf auftauchte, hat mich irgend etwas jenseits des Verstandes geleitet, Dich mal anzuschreiben... der Rest ist Geschichte.

Schon schräg, wie sich die Gitarren uns Gitarristen aussuchen... :clown:

Eine Frage hätte ich dann noch, lieber Beppo: Was war es, was Euch nicht hat zueinander finden lassen? - Vom Sound und Stil her passt Ihr beiden - wenn ich mir aufgrund des in der Eifel Gehörten und Gesehenem erlauben darf - doch ganz gut zusammen, hätte ich gedacht, bzw. dachte ich bereits in der Eifel vor mich hin.

Nicht, dass ich mich beklagen mag ob des Weges, den die Dinge hier genommen haben... :mrgreen:

Liebe Grüße,

Batz.
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Re: Gretsch G5420T 2016er Modell in Orange

Beitragvon Beppo » Mittwoch 25. Oktober 2017, 10:01

Was war es, was Euch nicht hat zueinander finden lassen?

Tja, mein Lieber, wenn ich das so einfach wüßte, das wäre schon mal die halbe Miete. Wenn ich es dann noch gut formulieren könnte, wärs die andere halbe Miete :kopf_kratz01: .

Ich würde sehr gerne mit einer Gretsch gut zurecht kommen. Gretsches haben Style, ihren eigenen Platz in der Geschichte der EGitarre, klingen gut (bei Anderen) und sind die sexiest guitars alive :mrgreen: .
Aber ich habe jetzt zwei Anläufe genommen und irgendwie hat es nicht gepasst. Es ist einerseits der Sound. Sie hat halt doch Humbucker, wenn auch outputschwache, aber mir sind die, egal in welcher Stellung, zu mittig und in den Bässen zu wenig präsent. Ok, ich kann am Hals bluesen und jazzen, in der Mittelposition Chet Atkins-Picking spielen und am Steg hat sie Country-Twäng. Aber dann nehm ich meine Tele in die Hand und stelle fest, die kann das auch und tönt für meine Ohren sogar besser :!: :?: . Schließlich ist es dann noch der Punkt der Halshaptik. Inzwischen fühle ich mich auf relativ kräftigen und entlackten Hälsen am wohlsten, warum auch immer.
Alles in allem eine rein emotionale Sache, es hat nicht gefunkt zwischen mir und der Gretsch, Rennleiter :( ;) !
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Re: Gretsch G5420T 2016er Modell in Orange

Beitragvon Batz Benzer » Mittwoch 25. Oktober 2017, 10:56

Gut, dass ich gefragt habe, denn: So ein wenig wie Dir ging es mir auch die ganzen Jahre. Ich hatte das im Gretsch Sound-Thread schon mal beschrieben, dass die Gretsch, etwas ketzerisch gesagt, von sich aus für meine Ohren weniger "Formanten zum Festhalten" hat als andere Gitarren; die Tele war auch mein Beispiel dafür. :prost:

Auch aus diesem Grunde war ich mit den frühen Electromatics glücklicher; sie hatten mehr von den Klanganteilen, die ich mir unter Gretsch vorgestellt habe, bzw. wie ich Gretsch höre (oder hören mag). Das wandelt sich gerade, wie ich merke.

Auch finde ich, dass der Gretsch-Ton in wesentlich höherem Maß vom "richtigen" Verstärker und in nicht unerheblichem Maß von der Effektierung abhängt; der Mustang hat sich hier für mich als ultimativ entpuppt.

Daher wäre mein Rat, es ruhig immer mal wieder zu versuchen; musst ja nicht gleich eine kaufen Und wenn doch: Ich nehme sie! :clown: ), sondern ihnen in Läden immer wieder Chancen geben. ;)

Denn: Stilistisch passt Ihr beiden zusammen wie Mäggy und Rennleiter... äh, Blues. :mrgreen:

Liebe Grüße,

Batz.
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