Improvisation

Die dunkle Seite der Macht

Improvisation

Beitragvon MonacoFranke » Sonntag 4. Dezember 2016, 18:00

Liebe Musikerkollegen,

ich möchte die kalte Jahreszeit nutzen, um mich mal wieder mit Musiktheorie zu beschäftigen. Mein Fokus liegt dabei auf der Improvisation, der Urform jeglicher musikalischen Betätigung.

Zum Einstieg habe ich folgende aufschlussreiche Zitate gefunden:

"Musikalische Improvisation ist die Eigenheit des musikalischen Menschen (Anm.: müsste wohl richtig heißen "des Menschen"), die es ihm ermöglicht, sich als Selbst in Musik intensiv zu erleben."

"Wenn Improvisation in Musik den improvisierenden Musiker etwas lehrt, dann ist es die Unverwechselbarkeit seiner menschlichen Existenz, eine ureigene Privatheit. Die musikalische Entwicklungsgeschichte des Menschen zeigt, Improvisation ist die älteste Form solch musikalischer Privatinitative. Erste Formen menschlichen Singens und instrumentalen Musizierens sind nicht ohne Improvisation vorstellbar, sind an Improvisation gebunden oder durch sie entstanden."

(Jörgensmann/Weyer: Kleine Ethik der Improvisation)

Auf den Punkt gebracht: Improvisation ist der Beginn jeglicher menschlicher Musikalität. Und die Musiktheorie (Harmonielehre) ist letztlich "nur" der Versuch, das musikalische Empfinden (so eine Art sozialer Konsens über den Wohlklang) in eine einheitliche Form zu bringen und zu erklären.

Mag sein, dass das für die gebildeten Musiker hier kalter Kaffee ist. Aber die Erkenntnis macht es mir zumindest leichter, einen Zugang zur Musiktheorie zu finden, denn am Anfang war nicht die Theorie, sondern die Improvisation ;)

Schönen zweiten Adventsonntag!
Frank
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Re: Improvisation

Beitragvon tommy » Sonntag 4. Dezember 2016, 18:12

MonacoFranke hat geschrieben:
Auf den Punkt gebracht: Improvisation ist der Beginn jeglicher menschlicher Musikalität. Und die Musiktheorie (Harmonielehre) ist letztlich "nur" der Versuch, das musikalische Empfinden (so eine Art sozialer Konsens über den Wohlklang) in eine einheitliche Form zu bringen und zu erklären.



Meines Erachtens schließen sich Improvisation im beschriebenen Sinne und Musiktheorie/Erklärung gegenseitig aus.

Das ist für mich auch der Grund, warum "erlernte" Improvisation stocksteif klingen kann. 8-)
LG Tommy


Ich wünsch' mir einen Dudelsack!
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Re: Improvisation

Beitragvon MonacoFranke » Sonntag 4. Dezember 2016, 19:14

tommy hat geschrieben:
MonacoFranke hat geschrieben:
Auf den Punkt gebracht: Improvisation ist der Beginn jeglicher menschlicher Musikalität. Und die Musiktheorie (Harmonielehre) ist letztlich "nur" der Versuch, das musikalische Empfinden (so eine Art sozialer Konsens über den Wohlklang) in eine einheitliche Form zu bringen und zu erklären.



Meines Erachtens schließen sich Improvisation im beschriebenen Sinne und Musiktheorie/Erklärung gegenseitig aus.

Das ist für mich auch der Grund, warum "erlernte" Improvisation stocksteif klingen kann. 8-)


Interessant. Ich sehe es anders: Wir haben ein natürliches (auch jahrelang geübtes) Gehör dafür, was gut und schlecht klingt. Und die Theorie liefert die Erklärung dafür.

Man könnte es auch umdrehen: Aus der populären Musik sind im Laufe von Jahrhunderten auch Tonleitern verschwunden, weil sie nicht mehr "gut" klingen.

"Erlernt" ist der Umgang mit dem Instrument, ansonsten folgt man bei der Improvisation doch eher einer inneren Stimme. D.h. ich könnte das auch singen, was ich spiele; das wäre für mich zumindest der Idealzustand der Improvisation.
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Re: Improvisation

Beitragvon Magman » Sonntag 4. Dezember 2016, 20:59

Also ich habe die Erfahrung gemacht das man echte Improvisation eigentlich nicht erlernen kann. Ich spielte in meiner BW Zeit zusammen mit mehreren Musikstudenten. Alles sehr sehr gute Musiker, aber kein einer konnte irgendwie improvisieren. Das hatte mich doch sehr verwundert, vor allem, weil sie mich, als nicht gelernter Musiker darum beneideten. Das habe ich bis dato nicht nicht wirklich begreifen können.
Auf verschiedenen Sessions lernte ich weitere dieser Musiker kennen, die praktisch fast alles vom Blatt spielen konnten, aber einfach nicht richtig frei spielen. Ich selbst hab praktisch nie etwas anderes gemacht, weil ich nie nach Noten hab spielen lernen und mir alle Songs immer frei raushörte von Platten. Ich improvisiere praktisch gesehen meine Musik :mrgreen:

Aber ich glaube, es gibt sie, die gelehrten Musiker die auch perfekt und Kopf-frei improvisieren können.
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Re: Improvisation

Beitragvon FretNoize » Montag 5. Dezember 2016, 09:22

Magman hat geschrieben:Also ich habe die Erfahrung gemacht das man echte Improvisation eigentlich nicht erlernen kann.

Einspruch, Euer Ehren. Aber vielleicht meinen wir dasselbe. Learning by doing. Man probiert es einfach immer wieder, und es wird immer besser. Wenn Du mit Deinem Satz allerdings meinst, daß man es nicht über das Büffeln von Theorie erlernen kann, dann bin ich ganz bei Dir.
Aloha,
Holger

Ich kann zwar nichts Sachdienliches zu irgendeinem Thema beitragen, aber ein bisschen Verwirrung geht immer.
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Re: Improvisation

Beitragvon Loki » Montag 5. Dezember 2016, 13:07

Etwas Theoriewissen hilft meiner Meinung nach. Es verkürzt Trial&Error wenn man zB die Kirchentonarten kennt. Aber es gibt sicher auch genügend Naturtalente, die haben den "richtigen" nächsten Ton einfach im Gefühl.

Ich gehöre (leider) auch zu denen, die eher schlecht als recht improvisieren können.
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Re: Improvisation

Beitragvon bluesation » Montag 5. Dezember 2016, 13:10

Bei einem Stück unserer CD sollte eine Geige ein paar Fills einstreuen, evtl. auch ein Solo spielen. Über Beziehungen kam dann Einer, der so aussah wie ein Rockmusiker. Geiger, spielte in einem SemiPro Orchester, das auch schon Auszeichnungen erhalten hatte. In unserer Naivität dachten wir, da spielen dem mal was vor, was wir uns so vorstellen, und dann wird das schon was geben. Bis zum Ende des Studiotages hatten wir nicht eine verwertbare Passage aufgenommen. Hätten wir ihm Noten vorgelegt, hätte der das bestimmt sauber eingespielt, 3 Stunden und fertig. Aber Impro war nicht zu machen.

Zum Thema. Zur Impro braucht es IMHO Handwerk und Imagination. Also man hört etwas und ist in Echtzeit in der Lage eine Idee zu entwickeln, was man dazu spielen möchte. Dann kommt das Handwerk. Passende Tonleitern helfen, Kenntnis der Akkordzusammensetzung, Signature Licks, Timing, Rhythmusgefühl. Dann sollte man in der Lage sein zu improvisieren.
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Re: Improvisation

Beitragvon Magman » Montag 5. Dezember 2016, 13:54

FretNoize hat geschrieben:Wenn Du mit Deinem Satz allerdings meinst, daß man es nicht über das Büffeln von Theorie erlernen kann, dann bin ich ganz bei Dir.


Genau das Holger ;)
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Re: Improvisation

Beitragvon kiroy » Montag 5. Dezember 2016, 14:34

Erst wollte ich so etwas schreiben, wie
Loki hat geschrieben:Etwas Theoriewissen hilft...
und
bluesation hat geschrieben:...Zur Impro braucht es IMHO Handwerk und Imagination...

Dann habe ich das gelesen:
bluesation hat geschrieben:Das frühe Vögeln entspannt den Wurm.
und vor Lachen vergessen, was ich eigentlich schreiben wollte! :thumbsup03:
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Re: Improvisation

Beitragvon Batz Benzer » Montag 5. Dezember 2016, 14:50

MonacoFranke hat geschrieben:"Erlernt" ist der Umgang mit dem Instrument, ansonsten folgt man bei der Improvisation doch eher einer inneren Stimme. D.h. ich könnte das auch singen, was ich spiele; das wäre für mich zumindest der Idealzustand der Improvisation.


Mein Satz dea Threads bis hierhin. :thumbsup03:
"Lennon was the soul of the Beatles, Harrison was the spirit, Paul was the heart, and Ringo was the drummer."

- George Martin
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