Muss denn echt alles immer so gut klingen?

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Ingolf
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von Ingolf » Dienstag 18. Dezember 2018, 15:01

Für mich ist der mittlere Weg der richtige (so wie ich es verstanden habe, gehe ich mit grundsätzlich mit Tommy, Diet und Uwe konform).
Die Form/der Klang darf zunächst nicht wichtiger sein als der Inhalt.
Da sind wir uns wohl einig.
Andererseits bin ich selbst Musikliebhaber genug, als dass ich meine selbst aufgenommene Musik so gutklingend wie nur möglich (mit meinen Mitteln) hören will.
Eine Idee einfach nur festzuhalten reicht mir definitiv nicht.
Daher beschäftige ich mich, wie viele von euch ja auch, mit dem Thema Recording.
Man lernt ja nicht nur etwas über die technischen Aspekte von Aufnahmen, sondern auch über die musikalischen. Man wird eindeutig besser beim Arrangieren.
Oft schwitzt man vergeblich Blut und Wasser, weil man sich verrannt hat, unterm Strich aber, da würden mir wohl alle Recorder hier Recht geben, wird man besser mit der Zeit (wie eigentlich bei allen Dingen, die man regelmäßig macht).
In meinem persönlichen Wertesystem, wenn meine eigene Musik 'meine Kunst' ist, werde ich dadurch auch zu einem besseren, kenntnisreicheren Künstler.

Hier stimme ich deshalb mit Dieter übrigens nicht überein: wenn ich merke, ich komme bei bestimmten Recordingsachen an meine Grenzen und ich arbeite an meinen Skills, werde ich nicht dadurch zu einem schlechteren Gitarristen/Sänger. Es ist für mich alles eins und gehört zu dieser wunderbaren Sache, nämlich selbst Musik zu denken und zu machen.

Wie gut muss es also klingen?
Für mich muss es so gut klingen, dass ich beim Hören des Endergebnisses nicht zu mir oder anderen sagen muss: Denkt euch hier mal einen anderen Hallraum/Gitarrensound/Beach-Boys-Chor oder was auch immer dazu.
Ich will, dass ich einen Song bzw. ein Stück Musik nach einer Aufnahme hinter mir lassen kann und zu neuen Ufern aufbrechen. Die Aufnahme soll irgendwie schon ein für den Moment gültiges, definitives Statement sein,
auch wenn ich natürlich weiß, dass Kunst immer im Fluss ist und das Statement morgen ganz anders aussehen könnte.

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Big Al
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von Big Al » Dienstag 18. Dezember 2018, 15:11

Hi Diet,

ich hab mir einmal vor Jahren einen Rechner, ein Interface, paar Mikros und eine DAW gekauft. Dazu ein paar Plugins: EQ und Reverb nehme ich die von Studio One, das ist mein Kompressor für alles: https://www.stillwellaudio.com/plugins/ ... ompressor/
Mein Delay: https://www.native-instruments.com/de/p ... s/replika/

Und das wars. Der Rest wird einfach sauber eingespielt und aufgenommen, abgemischt fertig.

Lustige Story: Am Freitag spielte ich als Special Guest einen Gig mit einer lokalen Band, die eine gewisse Größe haben, also die Local Heroes. Vor dem Auftritt spricht mit deren Gitarrist an, in welchem tollen Studio und mit welchem Produzenten ich denn meine Platte aufgenommen hätte, der Sound wäre ja so super. Als ich ihm dann erzählt habe, dass ich das in einem 25qm großen Kellerraum komplett selbst aufgenommen und gemischt & gemastert habe, eingespielt mit ein paar Freunden sind ihm mal paar Gesichtszüge entglitten.

Es braucht nicht den geilsten Raum, die geilsten Komponenten und den neuesten Scheiss. Man sollte den Kram bedienen können den man besitzt und der Rest ist das Handwerk. Ich habe z.b. noch nie ein Schlagzeug mit mehr als 4 Mikros aufgenommen, weigere ich mich einfach - und ich habe inzwischen auch schon einige Bands aufgenommen.

P.S. Auch eine Erkenntnis: Wenn ich Freunde habe, die einfach geniale Musiker sind, dann lade ich sie ein auf den Tracks mitzuspielen, ich muss nicht alles selber gut können... am Ende zählt für mich das Resultat. Es reicht mir da absolut den Song geschrieben zu haben und zu singen, wenn die eine oder andere geniale Gitarrenspur da von einem Freund kommt, umso besser! Lieber herausragend zusammen was auf die Beine gestellt, als mittelmäßig was alleine hingezimmert ;)
Denk da lieber nochmal drüber nach (Stoppok)

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partscaster
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von partscaster » Dienstag 18. Dezember 2018, 16:03

..
Zuletzt geändert von partscaster am Mittwoch 19. Dezember 2018, 01:15, insgesamt 1-mal geändert.

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Aratin
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von Aratin » Dienstag 18. Dezember 2018, 21:49

Hi,

ich kann dir mitfühlen. Man ist mit seinen eigenen Takes und Mixes meistens besonders Kritisch, währrend man in der Populär-Musik einfach den Mix akzeptiert den man kennt. Es kommt ganz selten mal vor, das ich mir denke: Ui, das ist aber schlecht abgemischt.

Meistens merke ich das nur wenn ich grade selbst am Mixen bin und mir dann was anderes gegenhöre, oder eben mit "aufmerksamen" Ohren durch den Alltag gehe. Wenn ich mir z.bsp. die Gitarre von Slash auf den Alben "Use Your Illousion I + II" anhöre... gruselig.

Oder das Schlagzeug von Led Zeppelin. Das Album "Justice for all" von Metallica, kommt direkt komplett ohne Bassgitarre.

Bei meinen eigenen Sachen bin ich da immer kritischer. Daher setze ich mir selbst sozusagen ein Limit. Maximal 6x Mixe und Mastere ich einen Song. Dann bleibt er so wie er ist. Sonst endet das NIE.

Was mir aber bei Radiotauglicher Musik immer sehr auffällt: Selbst wenn einige Instrumente schlecht klingen, so klingt der Mix in aller Regel "ausgewogen", soll heißen: Keine Frequenz ist zu dominant. Etwas, was mir leider nicht immer gelingt.

kunstetter

Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von kunstetter » Dienstag 18. Dezember 2018, 23:42

Am Rande: Das Schlagzeug von Led Zeppelin ist auch eigentlich kein Sound, sondern ein Hormon, von welchem ich lebenslang abhängig bin, seit ich es zum ersten Mal gehört habe. Das lässt den Rocker in mir heraus und gibt mir oft genug dann Gefühl, ich möchte nie mehr etwas anderes hören. Derart treffen mich sonst nur noch die Drums von Jerry Gaskill (King*s X). Vereinfacht: DIe klingen für mich überirdisch gut.

Aber vielleicht habe ich Dich auch nur falsch verstanden, daher vorsorglich ein respektvolles :prost:

TyKai

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tommy
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von tommy » Mittwoch 19. Dezember 2018, 01:25

Bonzo hat furchtbar grosse Kessel benutzt. Das hatte dann mehr was von Bach Kantaten im Kölner Dom als von Hans Albers und Drehorgel.
Beides hat seine Daseinsberechtigung, scheidet halt nur die Geschmäcker. :mrgreen:

Ich stehe auf Bonhams Drumsound.....wenn ich nur an Kashmir denke.... :sabber: !
LG Tommy


Ich spiele gerne Gitarre! Gemüse hingegen ist nicht so mein Ding!

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bluesation
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von bluesation » Mittwoch 19. Dezember 2018, 08:00

Die Frage von Diet ist "Muss denn echt alles immer so gut klingen?". Die Frage ist mit einem eindeutigen Ja zu beantworten. Es muss eben so gut klingen, wie es dem Stand der Zeit entspricht. Die Beatles haben auch auf dem Stand ihrer Zeit produziert. Heute ist das für uns Vintage.
Mann kann die Frage auch leicht abwandeln und fragen "Muss denn echt immer alles besser werden?" Muss es. Denn das ist es, was die Welt des Menschen zusammenhält. Der Mensch hat sich immer weiterentwickelt, sich nicht mit Stein, Eisen und Rad zufrieden gegeben. Der Mensch macht eine Entwicklung und will dies auch unbedingt. Dies impliziert Verbesserung. Dazu muss der Erreichte aber gehalten werden. Nur von diesem Punkt aus kann es weiter gehen. Wenn das Erreichte ist, dass es gut klingt, dann muss es eben auch immer gut klingen.

Ein anderer Aspekt, der oft latent im Subtext solcher Fragen steckt ist, was genau ist "gut klingen" eigentlich. Das ist zwar individuell verschieden, doch gibt es darüber im Großen und Ganzen Konsens. Etwa so wie, zu einer zeitgemäßen Wohnung gehört Heizung, fließend Warm- und Kaltwasser, Toilette. Bestimmte Mindestanforderungen müssen erfüllt sein.
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Diet
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von Diet » Mittwoch 19. Dezember 2018, 09:43

bluesation hat geschrieben:Die Frage von Diet ist "Muss denn echt alles immer so gut klingen?". Die Frage ist mit einem eindeutigen Ja zu beantworten. Es muss eben so gut klingen, wie es dem Stand der Zeit entspricht. Die Beatles haben auch auf dem Stand ihrer Zeit produziert. Heute ist das für uns Vintage.
Mann kann die Frage auch leicht abwandeln und fragen "Muss denn echt immer alles besser werden?" Muss es. Denn das ist es, was die Welt des Menschen zusammenhält. Der Mensch hat sich immer weiterentwickelt, sich nicht mit Stein, Eisen und Rad zufrieden gegeben. Der Mensch macht eine Entwicklung und will dies auch unbedingt. Dies impliziert Verbesserung. Dazu muss der Erreichte aber gehalten werden. Nur von diesem Punkt aus kann es weiter gehen. Wenn das Erreichte ist, dass es gut klingt, dann muss es eben auch immer gut klingen.

Ein anderer Aspekt, der oft latent im Subtext solcher Fragen steckt ist, was genau ist "gut klingen" eigentlich. Das ist zwar individuell verschieden, doch gibt es darüber im Großen und Ganzen Konsens. Etwa so wie, zu einer zeitgemäßen Wohnung gehört Heizung, fließend Warm- und Kaltwasser, Toilette. Bestimmte Mindestanforderungen müssen erfüllt sein.

Moin,

das technisiert sozusagen alles. :?
Und ob das mit Musik so vereinbar ist?
Da sind wir wieder beim Musiker oder Toningenieur sein :D
Musik ist doch Kunst und in der Kunst kann es doch eigentlich gar kein "immer besser" geben.
Kunst ist frei davon.
Beispiel Beatles. die haben etwas neues geschaffen, ob das "besser" als irgendwas war, kann niemand sagen.
Und Zeitgeschmack entsteht immer aus etwas neuem oder hervorgekramtem alten, aber nicht zwingend aus etwas besserem.

Gruß Diet

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Armint
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von Armint » Mittwoch 19. Dezember 2018, 10:01

Ich bin mir nicht sicher ob man auf Kunst im Allgemeinen und Musik im Speziellen den Denkansatz des ständigen Fortschritts anwenden sollte.
Hier treten doch oft genug auch Begriffe wie "Geschmacksache" oder "persönliche Vorlieben" ins Licht.
Wenn wir den Fortschritt auf die Musik anwendeten müssten wir uns von Bach, Beethoven und Konsorten schon längst verabschiedet haben.
Das haben manche auch sicherlich, aber andere sind nach wie vor dafür am brennen und stecken - nicht unbeträchtliche Beträge - in diese Musik.

Anders ist das sicher wenn man über den Fortschritt in der Aufnahmetechnik nachdenkt.
Die Zeit der kleinen Bandmaschinen ist genauso wie die der Multitracker auf Basis von Compact-Casetten sicher und zum Glück vorbei.

Was mir in letzter Zeit häufig auffällt ist das unreflektierte Nutzen (und schlimmer: Sammeln!) von (VST-) Plugins.
Da wird nach der Aufnahme erstmal die große Schublade aufgemacht und alle vorhanden Plugins gleichmäßig über alle Spuren verteilt - so kommt es mir manchmal vor.
Verbesserung? - Sehe ich da wenig.
Ein Bass hat 4 Saiten. Alles andere ist Schnullibulli.
Gear: Gitarren und Bässe von u.a. Fender, Hagström, MusicMan, PRS, Sandberg, Taylor, Tokai. Amps/Boxen von Basstown, Fender, Glockenklang, Roland.

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uwich
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Re: Muss denn echt alles immer so gut klingen?

Beitrag von uwich » Mittwoch 19. Dezember 2018, 11:03

Hier kommt die Diskussion in eine Phase, in der die Begriffe Kunst, Fortschritt, Geschmack, Besser/Schlechter in einen großen Topf geschmissen werden. Das kann nicht gut gehen..................

Zur Eingangsfrage: Nein, muss nicht. Kann aber.

Musik ist die menschliche Verwendung und Umformung von Tönen (natürliche Phänomene) zu einem neuen künstlichen Element. Grundsätzlich existiert die Musik erst einmal zur Zeit des Schaffens. Da es aber im Gegensatz zu früher jetzt die Möglichkeiten der Tonaufnahme gibt, kann die Musik archiviert, vervielfältigt und verteilt werden. Was zählt, ist die Musik und nicht der Weg der Tonaufnahme und Tonbearbeitung. Das sind Handwerkszeuge, die zum Teil auch zum kreativen Schaffen gehören.

Am Ende zählt das, was an das menschliche Ohr dringt.
Ich will einfach nur sitzen.

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